Auf Spurensuche in Namibia

Gröpelinger Geschichtswerkstatt recherchiert im ehemaligen Deutsch-Südwest-Afrika
 

Pressemitteilung vom 02.12.2014

(veröffentlicht im Stadtteilkurier West des Weser-Kuriers und der Bremer Nachrichten am 07.12.2014, im Geschichtsportal Bremen-History.com am 08.12.2014, im Bremer Westen am 18.12.2014, in der Allgemeinen Zeitung NAMIBIA am 24.12.14 als Titelstory in der Weihnachtsbeilage, als TV-Beitrag bei Radio Bremen am 15.01.2015 und in der Feb-März-Ausgabe 2015 des BAF)

1892 Landgut Tölken an der Gröpelinger Chaussee 20-22 1892 Landgut Tölken an der Gröpelinger Chaussee 20-22 (Familienalbum Tölken, Namibia)

Seit vier Jahren suchte die Geschichtswerkstatt Gröpelingen vergeblich nach Fotografien vom ehemaligen Landgut der Bremer Kaufmanns- und Arztfamilie Tölken zwischen Waller Friedhofsstraße und Altenescher Straße, dem heutigen Urnenfriedhof (s. Familie Tölken auf dieser Website). Nun wurde sie im fernen Namibia, der einstigen deutschen Kolonie in Südwest-Afrika, fündig. Der Vorsitzende Günter Reichert nutzte im Oktober eine Privatreise nach Namibia zur Spurensuche.

Gröpelingen 1901: Heinz Tölken mit seinen Geschwistern Gröpelingen 1901: Heinz Tölken (Mitte) mit seinen Geschwistern

Tippgeber war Christian Tölken aus Berlin, ein Nachfahre des Landgutgründers Dr. Johann Ludwig Tölken (1811-1869), der auch als Mitbegründer des bremischen Diakonissen-Krankenhauses gilt.

Einer der zahlreichen Enkel des Bremer Arztes war Wilhelm Heinrich (kurz: Heinz) Tölken (1894-1980), dritter Sohn des Bremer Tabakkaufmanns Eberhard Tölken (1846-1901). Heinz war 1928 nach Südwest-Afrika ausgewandert und hatte dort die Farm Sturmfeld (s. Landkarte) im Nordosten des Landes erworben.

Die Nachbarfarm Harnas ist seit Oktober 2014 Drehort der ARD-Fernsehserie "Das Waisenhaus für wilde Tiere".

 

Heinz Tölken, seine Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen waren auf dem Gröpelinger Gut (s. oben) aufgewachsen wie sein Vater, seine Onkel und seine Tanten vor ihm.

Bremen 1914: Heinz Tölken vor dem Elternhaus am Osterdeich 1 Bremen 1914: Heinz T. vor dem Elternhaus am Osterdeich

Er schwärmte noch in Namibia im engsten Familienkreis von den Erlebnissen im "schönen Gröpelingen". So wurden Bilder aus dieser Zeit von seinem Sohn Heinrich Eberhard und seiner Schwiegertochter Heidi im Familienalbum gut verwahrt.

 

Heinz Tölkens Mutter Dora, geb. Plump, verkaufte das Gut im Jahr 1915 an den Bremer Staat zum Zweck der Friedhofserweiterung. Sie selbst bewohnte danach mit ihren noch unverheirateten Kindern die elterliche Villa am Osterdeich Nr. 1, die schon vorher als Winter-Wohnsitz gedient hatte.
 
In den 1960ern übergab Heinz Tölken die Farm Sturmfeld an seinen Sohn (Heinrich) Eberhard und starb 1980, ohne den heutigen Bremer Stadtteil Gröpelingen je wiedergesehen zu haben. Heidi und Eberhard Tölken gaben die Farm ihrerseits vor fünf Jahren an Tochter und Schwiegersohn weiter und leben seitdem als Rentner in der namibischen Küstenstadt Swakopmund (s. Karte), wo sie vom Vorsitzenden der Gröpelinger Geschichtswerkstatt e. V. am 19. Oktober 2014 aufgesucht wurden.

In Swakopmund lebt ein Drittel der ca 30 000 Namibia-Deutschen. Wegen der Seebrücke und des Leuchtturms wird die Stadt an der Atlantikküste auch ironisch als das südlichste deutsche Seebad bezeichnet. Viele Straßen tragen noch deutsche Namen und die Gebäude aus der Kolonialzeit könnten auch irgendwo in Bremen stehen. Das Ehepaar Tölken engagiert sich zusammen mit anderen sehr für den Erhalt der alten Gebäude in Swakopmund.

Eine Herzensangelegenheit ist ihnen aber der Einsatz für die Schule Gqaina in der Nähe ihrer Farm am Rande der Kalahari. "Gqaina" bedeutet in der Sprache der Buschmänner (San) soviel wie "Schule unter dem Baum". Sie ist aber mehr als das, sie ist eine erfolgreiche Bildungseinrichtung für die immer noch benachteiligte Bevölkerungsgruppe der San. (s. Website der Schule und Video bei YouTube)

Impressionen in Swakopmund: Leuchtturm, Alte Oberschule, Hohenzollernhaus, Seebrücke Impressionen in Swakopmund: Leuchtturm, Alte Oberschule, Hohenzollernhaus, Seebrücke

Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen :

Eine Stellungnahme von Günter Reichert bezüglich des Engagements für das Land Namibia und
seine Bewohner

 

Das Land interessiert mich sehr, sowohl als Geschichtsinteressierter, als auch als Enkel meines Großvaters mütterlichseits, derunbedingt zur "Schutztruppe" in Deutsch-Südwest wollte und mir viel über sein Traumziel erzählt hatte. Sie hatten ihn nicht genommen. Grund: Mit einer Körpergröße von 1,60 m war er zu klein. Ich habe mich immer wieder mit der Geschichte Namibias und der deutschen Kolonialgeschichte dort beschäftigt und habe vom 06.- 29. Oktober 2014 das Land mit einem geliehenen Auto und einem Rucksack voller Fragen bereist, u.a. auch, um von ausge-wanderten Nachkommen der deutschen Kaufmannsfamilie Tölken Fotografien von ihrem Gröpelinger Landsitz zu erhalten.

Farmer, bei denen ich wohnte, haben mir bereitwillig Vieles beantwortet. Der deutsche Teil der Geschichte des Landes ist sehr zwiespältig. Da gibt es auf der einenSeite den Bremer Lüderitz (den "Lügenfritz"), mit dem alles begann, das ausbeuterische Verhalten der Deutschen Kolonialgesellschaft und der Diamantengesellschaft, die Misshandlungen der Ureinwohner, der San, und die grausamen Vernichtungsfeldzüge der Schutztruppe gegen Hereros und Namas - und auf der anderenSeite die hart arbeitenden Farmer, die das sehr unfruchtbare Land zuerst von der Kolonialgesellschaft und später von einem Vorbesitzer gegen "gutes Geld" erworben hatten. Sie sitzen im Geiste ständig auf den gepackten Koffern: In den beiden Weltkriegen interniert und vor der Zwangsausweisung stehend, heute wegen einer langeangekündigten Landreform der SWAPO-dominierten Regierung. Ich selbst teile diese letzte Befürchtung nicht, da Namibia wohl das am besten regierte demokratische Land Afrikas ist, das man als Tourist gefahrlos bereisen kann. Es wird daher nicht meine letzte Reise dorthingewesen sein. Die Regierung ist klug genug, den Fehler Robert Mugabes in Zimbabwe (Rhodesien) nicht zu wiederholen, der alle englischstämmigen Farmer enteignen ließ.

Gut funktionierende Farmen haben in der Regel um die 40 schwarze Mitarbeiter, die mit ihren Familien in einer kleinen Siedlung auf dem Farmgelände leben. Der Farmer ist gesetzlich zuständig für die Schaffung von Wohnraum und dieOrganisation des Schulbesuchs der Arbeiterkinder. 15% des Farmlandes ist in der Hand deutschstämmiger Familien, weitere 10% in der Hand anderer Weißer, obwohl diese eine Minderheit bilden. Von den rund 2 Millionen Einwohnern sind 1,5% deutschstämmig und 57% gehören dem Volk der Owambos aus dem dichtbesiedelten, fruchtbareren Norden des Landes an, die dort auch eigene Farmen betreiben und die Hauptwählerschaft für die SWAPO darstellen. Damaras, Hereros und Namashaben jeweils einen Bevölkerungsanteilvon ca 8%. Der Rest sind die San, die Baster und andere. Deutschstämmige, die nicht in der Landwirtschaft arbeiten, findet man häufig im Tourismusgewerbe und in Handelsbetrieben. Die heutigen Deutsch-Namibier sind in der Regel sehr sozial eingestellte Menschen und möchten nicht ständig für die Sünden ihrer Vorväter und -mütter zur Rechenschaft gezogen werden. Deshalb habe ich in meiner Presseerklärung auf das große Engagement der Tölkens bezüglich der SAN-Schule hingewiesen.

 

Bremen, im Februar 2015 - Günter Reichert

Der Bericht über unsere Spurensuche wurde auch von Radio-Bremen-TV als buten-un-binnen-Beitrag ausgestrahlt :

Update: 29-04-2019 (105)