140 Jahre Schiffbau auf der AG-Weser

Fotoausstellungen im Walle-Center, im Martinshof und in der Waterfront

 

Veranstaltungen mit dem Landesinstitut für Schule (LIS) - Zentrum für Medien

(veröffentlicht im Weser-Kurier bzw. in den Bremer Nachrichten und ihren Stadtteilausgaben am 08.12.2010, am 10., 17., 18. und 20.01.2011, am 16.05.2011, am 11., 20. und 27.07.2011 und am 17.11.2011, im Weser-Report am 12.01.2011 und im Bremer Anzeiger am 27.07.2011)

Im Walle-Center, Dampfer Bremen 1929, AG-Weser-Bockkran 1973 Heinz Rolappe im Walle-Center, Dampfer Bremen 1929 (rechts oben), Bockkran 1973 (unten)

 

„Warum tragen die Werftarbeiter auf den Bildern keine Schutzhelme? Wie war es in den 50ern allgemein um die Schutzkleidung bestellt?“ so eröffnet Günter Reichert von der Geschichtswerkstatt Gröpelingen immer wieder aufs Neue seinen Fragenkatalog an den Zeitzeugen Heinz Rolappe. Die Rede ist von einer Bilderausstellung, die im Januar im Walle-Center, im Mai im Martinshof und im Juli in der Waterfront gezeigt wurde. Heinz Rolappe war Werkmeister auf der 1983 geschlossenen Großwerft AG-Weser und ist um keine Antwort verlegen. Im Gegenteil: Die zahlreichen Zuhörer lassen sich an den für die Zeitzeugenbefragung angesetzten neun Donnerstagen gern von ihm in die Arbeitswelt auf der Werft entführen. Seine Anekdoten sind eine höchst anschauliche Ergänzung zu den großformatigen Schwarz-Weiß-Fotos.

In den 50er Jahren fotografierte der Bremer Arzt Georg Hoffmann Arbeitsprozesse und Motive auf der Gröpelinger Werft AG-Weser in noch nie gezeigter Qualität. Die Negative der hervorragenden Aufnahmen übergab er in den 90ern kurz vor seinem Tod der Landesbildstelle Bremen (heute: Zentrum für Medien beim LIS), wo man sie erst jetzt wiederentdeckte und sie Anlass zu dieser Wanderausstellung wurden.

Die Fragen des Leiters der Geschichtswerkstatt lassen den wortgewandten Heinz Rolappe an manchen Stellen zur Hochform auflaufen. So erfahren die Zuschauer u. a., welche Streiche man unsolidarischen Kollegen gespielt hatte und wie man mit den Machtgelüsten einiger Werkschutzleute umging. Besonders zornig reagiert er, wenn der Interviewer auf den angeblichen Konkurs der Werft zu sprechen kommt. Sehr schnell erfährt der Zuschauer von den „undurchsichtigen Machenschaften“ des Kapitaleigners, der die Traditionswerft ohne Not schließen ließ. Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen, dessen Vater mehrere Jahre lang Betriebsratsvorsitzender auf der Werft war, leistete sich eine Auszeit vom täglichen politischen Geschäft und stellte sich am 14.07.2011 ebenfalls eine Stunde lang als Zeitzeuge zur Verfügung. Er bestätigte die Aussagen des ehemaligen Werkmeisters: „Dass die AG-Weser geschlossen wurde, hatte nichts mit einer Insolvenz zu tun. Das war reines Kapitalinteresse!“

Jens Böhrnsen ist wie Heinz Rolappe Mitglied des Arbeitervereins „Use Akschen“, der nach der Schließung der Werft gegründet wurde, um den ehemaligen Beschäftigten bei arbeitsrechtlichen Fragen zur Seite zu stehen. Vornehmste Aufgabe des Vereins ist heute, den an Asbestose leidenden Kollegen gegenüber den Berufgenossenschaften zum Recht zu verhelfen. Eine Aufgabe, für die Herbert Kienke, dem ersten Vorsitzenden des Vereins, 2009 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde.
An den Tagen zwischen den Zeitzeugenberichten konnten sich die Besucher einen halbstündigen, in Endlosschleife geschalteten Film anschauen, in dem einige wichtige Stapelläufe, Arbeitsprozesse auf der Werft und die letzten Tage des Schiffbaubetriebes gezeigt wurden. Auf zwei zusätzlichen Schautafeln (s. angefügte PDF-Datei) war die 140-jährige Geschichte der AG-Weser dargestellt.

Teile der Veranstaltung wurden im November-Erzählcafé des Waller Kulturvereins "Brodelpott" auf dem historischen Ausflugsschiff MS-Friedrich an der Schlachte wiederholt. (s. auch Bericht im Digitalen Heimatmuseum des Geschichtskontors Walle)

Wer Spaß an weiteren Erinnerungen zur AG-Weser hat, sollte sich die Homepage des jungen Schiffbauers Daniel Sokolis ansehen. Er hat auf seiner Seite "https://ag-weser-werftarchiv.jimdo.com/" eine Reihe verschiedener Sammelstücke zu einem kleinen AG-Weser-Museum zusammengestellt.

Photos der AG Weser, die uns

freundlicherweise von Herrn Rolf Walter zur Verfügung gestellt wurden.

Chronik / Geschichte der AG Weser - Use Akschen - Deschimag


1843  Am 8.November wurde auf der ehemaligen Stephani-Kirchweide die Stahlbaufirma Waltjen & Leonhard gegründet. Zunächst wurden dort Heizungen, Brücken und andere Eisenteile von ca 500 Beschäftigten gebaut.


1846  nannte man die Firma in Waltjen & Co um. Es folgte der Bau der ersten Helling und der Bau von stählernen Baggerschiffen und Schuten.


1847  Fertigstellung des ersten Passagier-Seitenraddampfers „Roland“ für die Flussfahrt im Auftrag der B. G. Schünemann A.G mit der Bau-Nr. 1.


1851  stellte Carsten Waltjen die eisernen Schwimmtore für die Schleuse des Neuen Hafens von Bremerhaven her.


1857  Fertigstellung des zweiten Passagier-Seitenraddampfers „Werra“ für die Flussfahrt im Auftrag des Norddeutschen Lloyd (NDL)


1865  Fertigstellung des ersten seetüchtigen Passagierdampfers „Nordsee“ (46,94 m x 6,71 m) im Auftrag des Norddeutschen Lloyd


1871  Fertigstellung des ersten Spierentorpedobootes „I“ im Auftrag der Kaiserlichen Marine


1872  wurde die Firma unter Beteiligung von Bremer Kaufleuten und Reedern in die Actien-Gesellschaft "Weser" umgewandelt. Die neue Firmenleitung steigerte die Rüstungsproduktion bis 1905  auf einen Anteil von 50%.
Die AG “Weser“ kam bis 1901 auf eine Beschäftigtenzahl von ca 1500.


1905  zog die AG „Weser“ mit ca 500 Beschäftigten nach Gröpelingen auf ein neues Gelände um, das seit 1886 im Zuge der Weserbegradigung durch Franzius entstanden war.


1908  Fertigstellung des Großkreuzers „Gneisenau“ im Auftrag der Kaiserlichen Marine mit der Bau-Nr. 144, ca 4000 Beschäftigte


1910  ca 2000 Beschäftigte


1911  Fertigstellung des Frachtdampfers "Arnfried" für die Hamburg-Bremer Afrika-Linie. In den Jahren bis 1914 wurden 40 Fracht-und Passagierschiffe für NDL, Hansa, Neptun, Hamburg-Bremer-Afrika-Linie und Roland-Linie erstellt. In den Jahren 1914 bis 1918 wurden 6 Kriegsschiffe und 86 U-Boote, davon 3 für Östereich, gebaut.


1913  Werftarbeiterstreik. Der sich in der SPD herausbildende linke Flügel hatte zunehmend an Sympathien bei den Werftarbeitern gewonnen. Es gelang ihnen im Verlauf des Ersten Weltkrieges auf der Werft ein Vertrauensmännersystem aufzubauen. Dieses spielte eine wichtige Rolle bei Auslösung der vier großen Streiks während des 1. Weltkrieges.


1914 - 1918  ca 6000 Beschäftigte in der Kriegsproduktion


1916  streikten Werftarbeiter der AG "Weser" anlässlich der Verurteilung von Karl Liebknecht.


1917  Ende März kam es während eines Streiks bei einer Demonstration zu einem Polizeieinsatz.


1918  Der Januarstreik und die Revolution in Bremen wurde im Wesentlichen von den Arbeitern der AG "Weser" getragen. Der AG-Weser-Betriebsrat stellte ca die Hälfte des Arbeiter- und Soldatenrates in der Bremer Räterepublik, die 1919 auf der AG “Weser“ ihr Ende fand.


1919 bis 1923  beschäftigte die AG "Weser" bis zu 8200 Mann. Bis dahin waren 30 Neubauten erstellt worden.


1921  übernahm Franz Stapelfeldt den Vorsitz im Vorstand der Werft.


1926 - 1928  wurde ein neuer Konzern gegründet: die "Deutsche Schiff- und Maschinenbau Aktiengesellschaft" (Deschimag). Zur Deschimag gehörten neben der AG "Weser" sieben andere Werften, auch die Seebeckwerft und die Tecklenborgwerft in Bremerhaven


1926  im Dezember bekam AG "Weser" vom NDL den Auftrag den Schnelldampfer „Bremen“ mit 50.000 BRT zu bauen, der etwa 27 Knoten laufen sollte und unter der Bau-Nr. 872 gebaut wurde. Auf der Überfahrt nach New York am 23.7.1929 holte die "Bremen" das "Blaue Band".


1929  Nach der Fertigstellung der "Bremen" entließ die Werft Ende des Jahres mehr als 5000 Mann ihrer 12.000 starken Belegschaft. Die Produktion ging nur noch schleppend voran.


1930 - 1932  Weltwirtschaftskrise, Abbau auf 669 Beschäftigte


1934  gründete die Deschimag die "Weser-Flugzeugbau GmbH". So wurden auf dem Gelände der AG "Weser" mit der Montage, Reparatur, Überholung und Teilbau von Flugzeugen begonnen.


1935  erhielt die AG "Weser" wieder Aufträge von der deutschen Kriegsmarine, beginnend mit dem Artillerie-Schulschiff „Brummer“.


1936 - 1941  Nach der Schließung von 6 Werften (ausgenommen AG“Weser“ und Seebeck), verkauften Bremen und das Reich ihre Aktienmehrheit an eine Gruppe Bremer Kaufleute. Krupp übernahm Teile der Aktien, erwarb 1941 die Mehrheit, gliederte die Werft in seinen Konzern ein und stellte sie ganz auf Kriegsschiffbau um.


1942 - 1944  waren auf der AG "Weser" ca 18 500 Menschen beschäftigt, davon waren rund 20% ausländische Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge aus dem KZ Neuengamme. Während des Krieges liefen 203 Schiffe, vorwiegend U-Boote, vom Stapel. Auf der AG "Weser" entwickelte sich ein antifaschistischer Widerstand von KPD- und SPD-Leuten.


1945  Nach der Kapitulation setzten die Alliierten die Werft auf die Demontageliste. Der Schiffbau wurde verboten.


1948  Dem Bremer Bürgermeister Wilhelm Kaisen gelang es, den Erhalt der Werft durchzusetzen. Die AG "Weser" begann wieder mit Schiffsreparaturen und einer ca 500-köpfigen Belegschaft.


1950  erreichte Kaisen die Aufhebung der Schiffbau-Verbots.


10. Mai 1952:  Das erste Schiff der Nachkriegszeit, das Frachtmotorschiff „Werratal“ (104,9 m x 15 m, 2615 BRT) läuft mit der Bau-Nr. 1265 vom Stapel. Die Belegschaft steigerte sich bis 1957 auf 6200 Beschäftigte.


1957 - 1964  Stagnation, Abbau auf ca 4000 Arbeiter und Angestellte


1963  beschloß die Unternehmensleitung ein Sonderinvestitionsprogramm von über 108 Mio. DM, um zukünftig noch größere Schiffe bauen zu können.


1964  Die AG "Weser" produziert in Sektionsbauweise. Der Zusammenbau der Sektionen erfolgte u.a. mit Hilfe eines neuen Bock-Krans, der eine Tragkraft von 500 Tonnen hatte und die ganze Helgenbreite des neuerrichteten Großhelgens "Wilhelm" bedienen konnte. Der neue Helgen war für den Bau von Schiffen bis zu 150.000 t Tragfähigkeit ausgelegt.


1968  erfolgte die Umrüstung des alten Großhelgen V zum modernen Helgen "Alfried" mit einer Länge von 375 Metern. Dadurch war die AG "Weser" in der Lage, Schiffe bis zu 240.000 t Tragfähigkeit zu bauen. Ein Bockkran mit 780 Tonnen Hebefähigkeit überspannte den ganzen Helgen mit seiner neuen Breite von 66 Metern.


1969 - 1974  Mit dem Bau immer größerer Tanker stiegen die Gewinne sprunghaft. Die 1969-1974 abgelieferten Tanker der Esso-Serie hatten eine Größe von 127 000 BRT.


1975 - 1977  In diesen Jahren war die AG "Weser" mit 5500 Beschäftigten voll ausgelastet. Dafür sorgte die Produktion von Riesentankern mit bis zu 189 000 BRT, darunter die "Ioannis Colocotronis".


1978  Die allgemein rückläufige Entwicklung in der Schiffbauindustrie führten zu einem abrupten Absatzrückgang und zu Entlassungen auf der Werft. Ende des Jahres gab es nur noch 3000 Mitarbeiter auf der Werft, davon gut die Hälfte in Kurzarbeit. Die Belegschaftsstärke ging bis 1983 noch auf 2200 herunter.


1983  Nach Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen verständigten sich die Vorstände der beiden Bremer Werften AG “Weser“ und Vulkan auf eine Neustrukturierung des Schiffbaus in Bremen und Bremerhaven: Die AG "Weser" sollte trotz noch bevorstehender Aufträge geschlossen und die Seebeckwerft in Bremerhaven eigenständig fortgeführt werden. Der Bremer Vulkan sollte die Hapag-Lloyd-Werft übernehmen.


Am 19. September 1983  besetzte die Belegschaft der "Akschen" die Werft mit dem Ziel die damals modernste Werft Europas zu erhalten. Sie musste am 26. September die Besetzung beenden, da eine polizeiliche Räumung, Schadenersatzansprüche und Strafverfolgungen insbesondere der Besetzungskommission zu befürchten waren. Im Oktober wird im Rahmen einer Betriebsversammlung der Arbeiterverein „Use Akschen“ gegründet, der noch heute die Interessen der ehemals Beschäftigten vertritt.


Am 14. Dezember 1983  lief das letzte Schiff die „Ubena“ für die Deutsche Afrika-Linie Hamburg vom Stapel. Sie war ein Motorschiff mit 20 360 BRT, den Maßen 174 m x 28,4 m und hatte die Bau-Nr. 1417.


Am 31. Dezember 1983  schloss der Krupp-Konzern für immer die Tore der traditionsreichen 140 Jahre alten Großwerft. 2200 Menschen wurden entlassen.


(für die Richtigkeit der Angaben: Günter Reichert, Geschichtswerkstatt Gröpelingen e.V,
ergänzt mit Belegschaftszahlen von Herbert Kienke, Arbeiterverein Use Akschen e.V.)

Geschichte der AG-Weser.pdf
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